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Bloch-Almanach 32/2013Bloch-Jahrbücher der Ernst-Bloch-Gesellschaft

Bloch-Almanach 33/2015

Frank Degler und Klaus Kufeld (Hg.)

Bloch-Almanach 33/2015
Periodikum des Ernst-Bloch-Archivs der Stadt Ludwigshafen am Rhein

Mit Beiträgen von Sascha Lobo, Oskar Negt, Jürgen Moltmann, Ernst Bloch, Hinrich Fink-Eitel, Marc Petersdorff, Tobias Heyden, Matthias Mayer, Lucien Pelletier, Josh Alvizu, Thilo Götze Regenbogen, Welf Schröter, Frank Degler und Klaus Kufeld

2015, 288 Seiten, 29,00 €
ISBN 978-3-89376-165-4

Bloch-Almanach 33/2015
( Talheimer Verlag )

€ 29.00 (inkl. 7 % MwSt.)


Inhaltsverzeichnis


Vorwort
Von Frank Degler und Klaus Kufeld


Zukunftsrede


Was heißt digitale Freiheit? Die Zukunftsrede 2014
Von Sascha Lobo


Aufsätze


Erbschaft aus Ungleichzeitigkeit und das Problem der Propaganda
Von Oskar Negt


Ist die Stadt ein Ort der Hoffnung?
Von Jürgen Moltmann


Ist Hoffnung ein Prinzip? Zur lebens- und existenzphilosophischen Dimension der Blochschen Philosophie
Von Hinrich Fink-Eitel


Skizze einer utopischen Rhetorik bei Bloch
Von Marc Petersdorff


Die Meister-Eckhart-Rezeption bei Ernst Bloch
Von Tobias Heyden


Ist die Geschichte zu Ende? Zur Aktualität der Hegel-Interpretation von Ernst Bloch
Von Matthias Mayer


Zwei Notizen Oswald Külpes über Ernst Bloch
Von Lucien Pelletier


Utopie der grünen Sonne. Zu Benjamin, Scheerbart und Glasarchitektur
Von Josh Alvizu


Meidner, Bettler, Sternemeer. Zur Meidner-Grafik aus dem Zyklus „Im Nacken das Sternemeer“ im Nachlaß von Ernst und Karola Bloch
Von Thilo Götze Regenbogen


Wiederentdeckung


Über das mathematische und dialektische Wesen in der Musik
Von Ernst Bloch


Bibliographie


Bibliographische Mitteilungen aus dem Ernst-Bloch-Archiv, Ludwigshafen (Teil 29): Inventarliste des Schallplattenbestands aus dem privaten Nachlass von Ernst und Karola Bloch
Zusammengestellt von Frank Degler


Bibliographie Karola Bloch, Teil 17
Zusammengestellt von Welf Schröter

 


Aus dem Vorwort

Der Almanach präsentiert zunächst den Text der „Zukunftsrede 2014“: Sascha Lobo hat sich dem Auftrag der Stiftung Ernst-Bloch-Zentrum, der mit der Zukunftsrede verbunden ist – nämlich „mutige Blicke in eine gute Zukunft zu werfen“ –, ernsthaft und direkt gestellt. Um die Schwierigkeit zu überwinden, woher denn eine gute Zukunft genommen werden könnte, entwirft er schließlich das Bild einer Konkreten Netzutopie, die auf Ernst Blochs Konzept der Allianztechnik aufbaut. Zuvor allerdings adressiert Lobo mit aller Prägnanz und Nach-drücklichkeit die Abgründe der digitalen Vernetzungstechnologie, von der Überwachungskatastrophe bis hin zum Drohnenkrieg. Diese dystopischen Realitäten stehen für ihn in einem bemerkenswerten Kontrast zu den ursprünglichen Freiheitsversprechen des Netzes, die sich aus einer Allianz der kalifornischen Gegenkultur mit dem ökonomischen Liberalismus ergeben habe – und die im höchsten Maße erfolgreich die Phantasien der Nutzer und potenziellen Käufer angeregt hat.

Eben diese Frage nach der – höchst altmodisch so genannten – „Propaganda“ beschäftigt auch Oskar Negt, der ausgehend von Ernst Blochs Einsicht, dass sich auch die Wahrheit nicht von alleine durchsetze, die „Unterernährung der Phantasie“ durch die deutsche Linke beklagt. Er beschreibt in seinem Text, dass es sich hierbei um einen systematischen Fehler handle, der nicht nur in den siebziger Jahren zu beobachten sei, sondern den er mithilfe von Blochs Analysen bis in die Weimarer Republik zurückverfolgen konnte. Es sei genau diese fehlerhafte Kommunikation gewesen, durch die dem Nationalsozialismus der Raum für die Agitation unnötig weit geöffnet wurde. Aber gerade weil der Wärmestrom der Phantasie von den Nazis so missbraucht worden sei, gelte es nach Negt umso mehr, diesen zurückzugewinnen, um Raum für ein Denken in Alternativen zu schaffen. Auch in der Perspektive des Jahres 1975 sei es, mit Bloch, notwendig zu wünschen, „dass zu Menschen völlig wahr von ihren Sachen zu sprechen“ sei. Nach Überzeugung der Herausgeber gilt dies auch vierzig Jahre später, so dass (aus Anlass eines „Talks bei Bloch. Live“ mit Oskar Negt im Ernst-Bloch-Zentrum) dieser Text wieder abgedruckt wird.

Aus einer christlichen Perspektive dagegen nähert sich der Bloch-Preisträger Jürgen Moltmann der Rolle der Städte in einer globalisierten Welt an. Obwohl gerade dort, in den kapitalistisch geprägten urbanen Räumen, die Vereinheitlichung der Lebensstile und der Kulturen unter dem Vorzeichen eines weltweiten Kapitalismus am weitesten fortge-schritten ist, seien doch gerade auch hier die Chancen für die Bewahrung einer regional begründeten Identität groß. Eine wichtige Rolle hierbei könnten auch die christlichen Gemeinden spielen, die als Gegenmodell zur Nutzenmaximierung und Vereinsamung gerade in den städtischen Räumen die Möglichkeit hätten, die Alternative von menschlicher Ge-meinschaft konkret vorzuleben.

Einer zunächst scheinbar wenig politischen, sondern vielmehr philosophiegeschichtlichen Einordnung von Ernst Blochs Konzeption der Hoffnung als Prinzip sind die Analysen von Hinrich Fink-Eitel gewidmet, der diesen Vortag vor dreißig Jahren zum 100. Geburtstag Blochs in Heidelberg gehalten hat und der hier nun posthum erstmals publiziert wird. Fink-Eitel argumentiert aber eben nur scheinbar unpolitisch, denn er verortet Bloch historisch als einen Denker, dessen Werk gerade angesichts der Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts als Lebensphilosophie lesbar sei. Damit grenze sich Bloch entschieden von der Angst, Sorge und Todesfixiertheit etwa der Existenzphilosophie Heideggers ab, welcher Bloch die Hoffnung entgegensetze, die eben nicht nur eine spontane Gefühlsregung sei, sondern die, wie Fink-Eitel rekonstruiert, in Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, der Existenz- und Lebensphilosophien des zwanzigsten Jahrhunderts zu lesen und vor diesem Hintergrund tatsächlich als Prinzip zu denken sei.

Zunächst sehr kritisch nähert sich Marc Petersdorff der rhetorischen Struktur von Ernst Blochs Werk. Er konzentriert sich dabei, ähnlich wie Oskar Negt, auf die Frage nach der politischen Dimension der Überredung. Als marxistischer Philosoph habe Bloch dieses Ziel zwar immer mit vor Augen gehabt, bei genauerer Betrachtung des Metapherngebrauchs falle allerdings zunächst die zum Teil scheinbar sehr beliebige und sogar inkonsistente Verwendung der sprachlichen Bilder auf. In einer intensiven Analyse versucht Petersdorff in der Folge nachzuweisen, dass hier jedoch nichts weniger geschaffen wurde als eine Rhetorik, die selbst auf ihrer formalen Ebene utopisch wird. Auch die Wahrheit benötigt den Schein, um wirksam zu werden – und es gelinge Bloch durch seine Stilistik das sprachliche Scheinen in einen wahrhaft utopischen Vor-Schein zu verwandeln.

Wiederum eine christlich-theologische Perspektive wird in Tobias Heydens Analyse der Rezeption von Meister Eckhart durch Ernst Bloch verfolgt. Heyden rekonstruiert sehr detailliert die Quellenlage der ent-sprechenden Passagen in Blochs Werk und ordnet die Interpretation der Theologie Meister Eckharts historisch ein. Bloch folge zwar einerseits der marxistischen Lesart der Klassengegensätze im Mittelalter und der Rolle der Laienbewegung als einer religiös legitimierten Aufstandsbewegung gegen die Allianz aus Adel und Klerus. Bloch gehe aber mit Meister Eckhart weiter und versuche, in der Utopie die christliche Mystik und die Politik zu verbinden, indem der einzelne Mensch in Selbstermächtigung die Gestaltungshoheit übernimmt, die vorher allein Gott zugestanden worden war.

Matthias Mayer hat bei seinem Vortrag im Ernst-Bloch-Zentrum eine Rekonstruktion der aktuellen geschichtsphilosophischen Positionen vorgelegt. Vor dem Hintergrund von Bloch und Hegel werden etwa die Positionen von Fukuyama, Sloterdijk, Borghesi oder der analytischen Philosophie kritisch diskutiert – aber es wird auch auf Houellebecqs aktuellen Roman Submission eingegangen. Entschieden tritt Mayer den verschiedenen Spielarten entgegen, die Geschichte im hegelianischen Sinne für beendet zu erklären – und argumentiert hier insbesondere mit Blochs Konzept des Unabgegoltenen in der Vergangenheit, das die Geschichte als offenen Prozess eines Noch-Nicht erhält.

Die Entdeckung eben jenes philosophischen Kerngedankens des Noch-Nicht durch den jungen Ernst Bloch ist das Thema von Lucien Pelletiers Beitrag über zwei Notizen Oswald Külpes, bei welchem Bloch als Student ein Seminar besuchte. Pelletier erschließt Külpes Aufzeichnungen als wichtige Quelle zum frühen Bloch und rekonstruiert den inhaltlichen Kontext der Entstehung und den philosophischen Diskussionsstand zwischen Neukantianismus und Positivismus. Er findet hierbei plausible Hinweise, dass bereits in dieser Zeit die gedankliche Grundlage der Philosophie des Noch-Nicht bei Bloch vorhanden gewesen sein muss.

Der Science-Fiction-Autor Paul Scheerbart (1863–1915) steht im Zentrum des Beitrages von Josh Alvizu. Dessen zu Unrecht wenig bekanntes Werk ist mit Ernst Bloch einerseits dadurch verbunden, dass sich Walter Benjamin in einem seiner letzten Essays über beide äußert und damit eine Argumentationslinie vorprägt, der auch Alvizu folgt. Scheerbart kann nämlich im Sinne der Blochschen Ästhetik des Vor-Scheins als ein utopischer Schriftsteller gelesen werden.

Aus Anlass einer Ausstellung über „Grafische Zyklen und Totentänze zum Ersten Weltkrieg“ im Ernst-Bloch-Zentrum war mit Thilo Götze Regenbogen vereinbart worden, dass von ihm ein Beitrag zu einem Blatt aus dem Zyklus „Im Nacken das Sternemeer“ von Ludwig Meidner erscheinen soll, das in der Ausstellung gezeigt wurde, welches im privaten Nachlass von Ernst und Karola Bloch entdeckt worden war. Zu einem anderen Blatt von Meidner, das dauerhaft im Arbeitszimmer von Ernst Bloch zu sehen ist, hatte Thilo Götze Regenbogen schon im Almanach publiziert. Er stimmte kurz vor seinem Tod der Publikation im Almanach zu. Er ordnet die Grafik in das Werk und die Biographie Meidners ein und gibt wichtige Hinweise darauf, wie die Zeichnung vor dem zeithistorischen Hintergrund des Ersten Weltkrieges zu analysieren ist.

Vor dem Hintergrund des Internationalen Symposiums „[Ton]Spu-rensuche“ zusammen mit der Universität Siegen, der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und der Ernst-Bloch-Gesellschaft im Ernst-Bloch-Zentrum, das die Musikphilosophie Ernst Blochs zum Thema hatte, wird hier der Essay „Über das mathematische und dialektische Wesen in der Musik“ in der originalen Fassung des Erstabdrucks von 1925 präsentiert. Gerade am Anfang des Textes, vor allem aber in der Schlusspassage, finden sich im Vergleich zur späteren in die Gesamtausgabe aufgenommenen Fassung sehr aufschlussreiche Textvarianten für die musikphilosophische Forschung.

Und ebenfalls aus Anlass der erwähnten Tagung zu Ernst Blochs Musikphilosophie wird von Frank Degler im bibliographischen Teil des Bloch-Almanachs die Inventarliste des Schallplattenbestandes, der sich im privaten Nachlass von Ernst und Karola Bloch befindet, für den Druck aufbereitet. Somit wird der Forschung eine vollständige Liste der Tonaufnahmen vorgelegt, die Ernst und Karola Bloch ab den 1960er Jahren privat zur Verfügung standen. Für die große Hilfe beim Erstellen dieser Bibliographie danken wir Lara Walter. Der 17. Teil der Bibliographie zu Karola Bloch wird von Welf Schröter vorgelegt.