Start Pressearchiv PM 27.10.2010 Karola Bloch – Die Architektin einer Bauhaus-Baukultur
PM 27.10.2010 Karola Bloch – Die Architektin einer Bauhaus-Baukultur

Karola Bloch – Die Architektin einer Bauhaus-Baukultur

Ein Forschungsteam legt neue Untersuchungsergebnisse über das Wirken Karola Blochs vor

Nach mehr als zweijähriger Recherche- und Redaktionsarbeit hat ein Team von Mitgliedern der Ernst-Bloch-Gesellschaft und Freunden der Blochschen Philosophie ein außergewöhnliches Werk vorgelegt. Auf fast 400 Seiten haben ein Dutzend Autorinnen und Autoren eine Sammlung von Aufsätzen und Editionen von verschollenen Texten zusammengestellt. Nun wird das neue Buch unter dem Titel "Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin" der Öffentlichkeit vorgestellt. Am 28.10.2010 lesen und erläutern Irene Scherer und Welf Schröter ab 19.00 Uhr in den Räumen des Ernst-Bloch-Zentrums "Dipl.-Ing. Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin". Die Einführung hält die Präsidentin der Ernst-Bloch-Gesellschaft PD. Dr. Francesca Vidal.

Karola Bloch neu zu lesen, heißt, eine widerständige Frau mit all ihren biografischen Brüchen neu zu entdecken. Es geht um Kontinuität und Bruch, um Autonomie und Selbstständigkeit, Freundschaft und Solidarität. Den Herausgebenden ist es gelungen, zahlreiche Dokumente aufzufinden, um bisher Unveröffentlichtes oder Verschollenes wieder zugänglich zu machen. Überraschende Briefe, Porträts und Schriften stehen am Ende einer längeren Recherche.

In der deutschen Medienöffentlichkeit wurde Karola Bloch zumeist auf ihre Rolle als Frau des Philosophen Ernst Bloch reduziert. Wer aber solche Vorurteile beiseite lässt und sich auf den Weg macht, das turbulente Leben einer selbstbewussten Frau zu erkunden, findet vor allem eine höchst politisch handelnde, stets eigenständig denkende und beruflich standfeste Persönlichkeit mit ungewöhnlicher Weite. In diese starke Frau hatte sich einstens der Autor von "Geist der Utopie" verliebt. Die Stärke war es, die ihn anzog.

Woher aber kam diese ,rote Karola'? Woher nahm sie ihr Wissen, ihre Kraft, ihre Kompetenz? Welches eigene Profil öffnet sich hinter dem Namen Karola Bloch? – Der vorliegende Band "Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin" will auf diese Fragen Antworten geben. Dabei wenden sich die Autorinnen und Autoren vor allem Karola Blochs lernender Jugend zu, ihrem starken Drang nach einem Beruf, ihrem politischen Denken und dem Trauma des Verlustes ihrer Familie, die fast vollständig im KZ ermordet wurde.

Der Band enthält mehrere Texte Karola Blochs, die sie als Architektin verfasst hatte und die seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr erhältlich waren. Erstmals werden die Briefkorrespondenzen Karola Blochs mit den Künstlern Carlfriedrich Claus und Ludwig Meidner beschrieben und zitiert. Zum ersten Mal werden Porträtzeichnungen Ludwig Meidners sichtbar, die er 1924 und 1960 von der engagierten Polin anfertigte. Nach intensiver Suche ist es gelungen, die elterlichen Wohnorte von "KB" aufzufinden. Auch gibt der Band Einblick in die Briefe ihrer Eltern und ihres Bruders aus dem Warschauer Ghetto kurz vor deren Ermordung. Erstmals werden die wichtigsten Auszüge der Ghetto-Briefe öffentlich. Erinnert wird an Andziula Tagelicht, der Tänzerin gegen die Verzweiflung im Warschauer Ghetto.

Mehrere Autorinnen und Autoren ermöglichen mit ihren Beiträgen eine Zu- und Einordnung der Biografie Karola Blochs in das jeweilige damalige Zeitgeschehen. Die Prozesse der Emanzipation dieser hervorzuhebenden Gegnerin des Nationalsozialismus werden in den Facetten Architektur, Kunst, Sozialismus und Emigration erkennbar. Bislang unbekannte Äußerungen und Briefe skizzieren eine hellwache Kämpferin für Humanität und menschliche Solidarität.

Dreißig Berufsjahre wirkte die Architektin und Bauhaus-Schülerin Karola Bloch in Wien, Paris, Prag, New York, Leipzig. Karola Bloch (1905-1994) war Schülerin von Hans Poelzig und Bruno Taut. Sie arbeitete bei Auguste Perret und wirkte in dem größten Architekturunternehmen der USA. Die Architektin war mit dem Bauhaus-Meister Xanti Schawinsky und Hannes Meyer, dem Direktor des Bauhauses Dessau freundschaftlich verbunden. Von 1949 bis 1956 war sie in der DDR tätig, bevor ihr dort die SED das Arbeiten verbot.

Wer heute als junger Mensch auf die Lebensgeschichte der Architektin, Widerstandskämpferin und Sozialistin Karola Bloch stößt, entdeckt insbesondere eine Frau mit Mut und Zivilcourage, die es wie kaum jemand anderes erlernt hatte, nach einem Stolpern, nach einem Sturz wieder aufzustehen, sich wieder aufzurichten und vorwärts zu gehen. Diese Haltung im aufrechten Gehen strahlte und strahlt Ermutigung aus. Ein Vorbild wollte sie nie sein. Aber das Feuer der Emanzipation in den Herzen von Frauen und Männern zu entzünden, das machte ihr Freude.

Der vorliegende Band ist Teil einer umfangreichen Editionsarbeit. Nach dem Tod Karola Blochs erschien zunächst ihre vergriffene Autobiografie. Als erster Nachlassband kamen die "Briefe durch die Mauer", ein Briefwechsel zwischen Ernst & Karola Bloch (Tübingen) und Jürgen & Johanna Teller (Leipzig) heraus. Diesem folgt nun "Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin". Für die spätere Edition bleiben Briefe an prominente Persönlichkeiten kritischer Politik, Tagebuchnotizen und verschollene Schriften. Die Herausgebenden dieses Bandes bereiten die nächsten Schritte vor.

Inhalt des Bandes:

Irene Scherer, Welf Schröter
Karola Bloch neu entdecken
Überraschende Dokumente und Eindrücke – Ein Vorwort

Irene Scherer
Karola Bloch im Prozess der historischen Emanzipation.
Kontinuität und Bruch im Leben einer eigenständigen Architektin

Jan Robert Bloch
Kann die Hoffnung lernen? – Thesen zu einer elementaren Frage
In Erinnerung an Karola Bloch

Frank M. Schuster, Volker Caysa
Auf den Spuren von Karola Bloch in Lodz – Versuch einer Erkundung

Thilo Götze Regenbogen
Karola Bloch und Ludwig Meidner – Freundschaft und Korrespondenz

Francesca Vidal
Gedanken über den Weg der Architektin Karola Bloch

Welf Schröter
Architektin BDA Dipl.-Ing. Karola Bloch
Vorbemerkungen zur Wiederveröffentlichung von vier Aufsätzen Karola Blochs aus den fünfziger Jahren der DDR

Dipl.-Ing. Karola Bloch
Grundrissschemas von Einrichtungen für das Kleinkind (DDR 1953)

Architektin BDA Dipl.-Ing. Karola Bloch
Das Kinderwochenheim "Zukunft der Nation" der Leipziger Baumwollspinnerei (DDR 1955)

Karola Bloch
Zweckmässige Küche (DDR 1959/61)

Dipl.-Ing. Karola Bloch
Wie man Warschau aufbaut (DDR 1953/55)

Karola Bloch
Der unkünstlerischste Naturalismus
Brief an Hannes Meyer

Anne König
Der Kindergarten der Leipziger Baumwollspinnerei
Auf den Spuren von Karola Bloch

Ingrid Sonntag
Freundschaft als Refugium
Briefe zwischen Ernst & Karola Bloch und Jürgen & Johanna Teller

Jürgen und Johanna Teller
Glückwunsch zum 86. Geburtstag
Brief an Karola Bloch

Jürgen und Johanna Teller
"Dem Altern kann man halt nur mit Heiterkeit begegnen."
Brief an Karola Bloch

Thilo Götze Regenbogen
"Bewegt-bewegend" – Carlfriedrich Claus und Ernst & Karola Bloch:
Korrespondenzen 1960–1985

Karola Bloch
"Ich leide sehr unter der Einsamkeit"
Aus drei Briefen an Carlfriedrich Claus nach dem Tode Ernst Blochs

Karola Bloch
"... aber primär bin ich, nicht er"
Ein Brief an Carlfriedrich Claus

Karola Bloch
Verbindung von Grafik und Philosophie
Briefe an Carlfriedrich Claus

Francesca Vidal
Bindungen
Aus dem Briefwechsel zwischen Ernst und Karola Bloch
mit Wolfram Burisch

Karola Bloch
Trubel zu Blochs 90. Geburtstag
Brief an Wolfram Burisch vom 26. Juni 1975

Karola Bloch
Ein markanter Satz
Brief an Wolfram Burisch vom 16. Februar 1976

Anne Frommann
"Das Auge des Gesetzes sitzt im Gesicht der herrschenden Klasse"
(Ernst Bloch) – Karola Bloch und der Verein "Hilfe zur Selbsthilfe"

Klaus Kufeld
Gelehrte Liebe

Karola Bloch
Gedenkworte zum Tod von Alfred Kantorowicz

Dipl.-Ing. Karola Bloch
Entscheidend ist vor allem die Stimme der Werktätigen
Brief an das "Neue Deutschland" zu den Ereignissen am 17. Juni 1953

Karola Bloch et al.
Freiheit für die Fantasie
Erklärung ehemaliger DDR-Bürger (1987)

Karola Bloch
"Nie sollen wir vergessen, was die Kriege der Menschheit angetan haben"
Rede zum 8. Mai 1985

Karola Bloch
Dadek und Izio
Ein Brief an Jan Robert Bloch

Welf Schröter
Karola Bloch und das Trauma der Ermordung ihrer Familie
Briefe aus dem Warschauer Ghetto

Angaben zu den Autorinnen und Autoren

Personenverzeichnis

Angaben zum Buch:
Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.)
Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin
Eine Neuentdeckung des Wirkens der Bauhaus-Schülerin
2010, 392 Seiten, br., 44,00 EUR, ISBN 978-3-89376-073-2